Interview 100 Tage CEO Irene Christen
Seit rund 100 Tagen ist Irene Christen als neue CEO des Spitals Affoltern tätig. Im Interview gibt sie einen Einblick dazu, wir ihr der Einstieg geglückt ist, welche Eindrücke sie bereits gewinnen konnte und welche Botschaft sie noch besser nach aussen tragen möchte.
Frau Christen, Sie sind im Januar als neue CEO des Spitals Affoltern gestartet. Welcher Moment in dieser Anfangsphase hat Ihnen gezeigt: «Hier bin ich genau am richtigen Ort»?
Irene Christen: «Das klingt vielleicht banal, doch wenn man schon bei den ersten Treffen herzlich lachen und angeregt diskutieren kann, merkt man sofort: Das ist der richtige Ort. Am Ende gelingt gute Arbeit, ob in ruhigen oder in Krisenzeiten, wenn Menschen kompetent und mit Herzblut am gleichen Strick ziehen. Ich habe schnell gemerkt, die Chemie dafür stimmt.»
Ein Spital lebt von seinen Menschen. Wie haben Sie die Unternehmenskultur im Spital Affoltern wahrgenommen?
«Auf jeder Broschüre des Spitals Affoltern liest man «familiär», was mich sehr anspricht. Dennoch hat mich überrascht, dass «familiär» nicht nur ein schön gewähltes Wort ist, sondern im Spitalalltag hier fest gelebt wird. Das ist nicht selbstverständlich. Was mich auch beeindruckt hat, ist wie stolz das ganze Team des Spitals ist. Alle brennen für ihre Arbeit. Ich denke, die Vergangenheit hat die Mitarbeitenden besonders zusammengeschweisst, alle sind eine grosse Einheit. An einem Ort zu sein, wo man stolz auf seine Arbeit ist und man familiär miteinander umgeht, macht mir viel Freude.»
Haben Sie in diesen 100 Tagen auch Zeit «an der Front» in den Teams verbracht?
«Ja, mir war es wichtig, Mitarbeitende aus verschiedensten Abteilungen direkt bei ihrer täglichen Arbeit kennenzulernen. Unter anderem war ich mit Mitarbeitenden der Pflege, der Reinigung, der Ärzteschaft, der Küche unterwegs und habe mich in Teammeetings dazugesetzt. Das ermöglicht mir ein umfassendes Bild aus verschiedenen Blickwinkeln, wodurch ich mich besser in die Perspektive der Mitarbeitenden versetzen kann. Ebenfalls verstehe ich besser, was rund läuft und wo allenfalls der Schuh drückt.»
Gab es im Rahmen der ersten Amtshandlungen eine Entscheidung oder Änderung, die Ihnen besonders am Herzen lag und die zeigt, worauf Sie als CEO Wert legen?
«Ich habe die Einstellung, dass man in den ersten Wochen den Betrieb, wo immer man kann, kennenlernen und nicht auf den Kopf stellen soll. Natürlich gab es Momente, wo Entscheidungen notwendig waren. Dann habe ich diese gefällt. Es ist mir wichtig, dass ich agiere und Verantwortung übernehme, denn das erwarte ich auch von meinen Kolleginnen und Kollegen in der Geschäftsleitung und den anderen Führungspositionen.»
Wenn Sie die ersten 100 Tage in drei Worten zusammenfassen müssten, welches wären das?
«Stolz – Unterstützung – Sinnhaftigkeit.»
Das Spital Affoltern befindet sich nach einer intensiven Transformation in einem Konsolidierungsprozess. Wo spüren Sie aktuell noch den grössten Handlungsbedarf?
«Das ist wahr, das Spital hat eine bewegte Zeit hinter sich, die noch spürbar in den Köpfen wirkt und die Strategie der vergangenen Jahre geprägt hat. Ich glaube, es ist jetzt an der Zeit, dass das Spital Affoltern sich wieder über die Zukunft definieren kann. Man hat exzellente Kompetenzzentren aufgebaut. Diese gilt es, stetig weiterzuentwickeln und mit einer passenden Vision in die nächsten Jahre zu gehen. Dafür braucht es Strategiearbeit nicht nur bei den Dienstleistungen, sondern auch bei der Infrastruktur und weiteren zentralen Bereichen wie zum Beispiel der Informatik.»
Das Spital Affoltern schrieb 2025 schwarze Zahlen. Wie wollen Sie in Anbetracht des Kostendrucks diesen Kurs halten und gleichzeitig sicherstellen, dass die medizinische und pflegerische Qualität auf hohem Niveau bleiben?
«Qualität und Wirtschaftlichkeit ist immer ein Zusammenspiel. Ich würde aber nicht sagen, dass sie sich konträr bewegen. Natürlich kosten Qualitätsmassnahmen auch Geld, aber ebenso teuer kann es werden, wenn der Ruf durch mangelhafte Qualität leidet. Klare und hilfreiche Schnittstellen zwischen den klinischoperativen Tätigkeiten und den Supportstellen, wie zum Beispiel dem Prozessmanagement oder der Patientenadministration, sind dabei wichtig. Wenn wir es schaffen, Hand in Hand zuarbeiten, erreichen wir effizient gute Qualität.»
Was macht das Spital Affoltern, um als Arbeitgeber so attraktiv zu bleiben, dass Pflegekräfte und Ärzteschaft nicht in die grossen Spitäler abwandern?
«Wenn man gerne zur Arbeit kommt, hat das Ausstrahlung. Das zieht neue Arbeitskolleginnen und -kollegen an und bindet langjährige Mitarbeitende. Das heisst, eine kontinuierliche Entwicklung und Sicherstellung der Kultur sehe ich als zentral an, dazu gehört Wertschätzung und Anerkennung im Alltag. Natürlich muss man ebenso attraktive Anstellungsbedingungen sicherstellen. Damit meine ich nicht nur branchengerechte Löhne, sondern auch das familienfreundliche Arbeiten, wie es hier gepflegt wird. Da sind wir, aus meiner ersten Erfahrung, auf Kurs.»
Die Zusammenarbeit mit den Hausärztinnen und -ärzten sowie anderen Gesundheitsinstitutionen ist wichtig für die integrierte Gesundheitsversorgung im Knonauer Amt. Sehen Sie hier neue Kooperationsmodelle?
«(überlegt…) Vielleicht. Da muss ich aber zugeben, dass es für mich zuerst gilt, die Hausärztinnen und -ärzte, weitere Partner und Schnittstellen kennenzulernen. Das findet nun über die nächsten Wochen laufend statt und ich freue mich darauf.»
Seit Januar 2026 läuft das Projekt der Notfallstation ohne Basispaket. Welche ersten Schlüsse ziehen Sie daraus für die langfristige Grundversorgung in der Region?
«Die Umsetzung ist gut angelaufen. Für die ersten Schlüsse aus der operativen Praxis ist es noch zu früh. Was mich sehr positiv stimmt, ist die sehr konstruktive Zusammenarbeit mit der Gesundheitsdirektion Zürich, die ich in den ersten Wochen erleben durfte. Das ist wichtig, damit wir gemeinsam die richtigen Versorgungsmodelle für die Zukunft etablieren.»
Was soll die Bevölkerung im Knonauer Amt in einem Jahr über «Ihr» Spital sagen, das heute vielleicht noch nicht selbstverständlich ist?
«Die Bevölkerung und die Gemeinden dürfen genauso stolz sein auf das Spital, wie es unsere Mitarbeitenden jetzt schon sind. Hier wird medizinisch exzellente Arbeit geleistet und das mit viel Herz und Menschlichkeit. Und: wir sind ein bedeutender Wirtschaftsfaktor, der grösste Arbeitgeber, der grösste Ausbildungsbetrieb und stützen über viele regionale Zulieferer die Wirtschaft im Bezirk in erheblichem Mass – das gilt es, noch mehr nach aussen zu tragen!»
Kontakt für Medienschaffende
Nicole Keller